Weihnachtszeit, schöne Zeit...

Nach Jahren des puren Egoismus hat sich mein Gewissen zurück gemeldet. Lange empfand ich das weihnachtliche Beschenken als einfallslos, gezwungen und unwichtig. Nachdem in diesem Jahr meine berufliche Integration in die Gesellschaft zu scheitern begann und ich trotz meiner nicht ganz gesunden, psychischen Konstitution stets auf den familiären Beistand zählen konnte, sprach mein Gewissen: „Doreen, es ist an der Zeit sich endlich bei den Verwandten, wenn auch nur im Kleinen, als Zeichen der Geste, zu bedanken!“ Ich gab meiner inneren, stark an der Moral festhaltenden Stimme recht.

Seit nun mehr fünf Jahren schieben mir die lieben Verwandten möglichst unauffällig einen Zwanziger nach dem anderen zu, wenn ich mich quartalsmäßig auf Familienfesten blicken lasse. Und das, obwohl der Begriff „Familie“, nach meiner spontanen Flucht in die Berliner Metropole, zunächst immer bedeutungsleerer wurde. Die Heimat ebenso wie die Verwandten erinnerten mich zu sehr an meine Herkunft und die Person, die ich früher einst gewesen bin. Bereits als 17 Jährige mit den Problemen der Haushaltsführung und Selbstbestimmung konfrontiert, glaubte ich dem Stadium des Erwachsenseins einen Schritt näher gekommen zu sein und somit den Gipfel der Unabhängigkeit erreicht zu haben. Wer braucht da denn noch Familie? 2006, das Jahr in dem meine gefühlte Selbstständigkeit offiziell gescheitert ist und ich mich, bedingt durch die progressive Isolation von der Gesellschaft, mehr und mehr mit mir und meiner verkorksten Persönlichkeit auseinander setzte, habe ich die Wichtigkeit der elterlichen Liebe, Zuneigung und Unterstützung neu schätzen gelernt. Selbst die vorweihnachtliche Stimmung nahm längst vergessene Ausmaße an. So ist das Besorgen der Geschenke und das Einpacken zu einer persönlich zelebrierten Feierlichkeit geworden. Sorgfältig überlegte ich welches Präsent wem zuteil werden sollte. Den Höhepunkt meiner Vorfreude auf die anstehenden Festtage erreichte ich, als ich die Gaben mit dem typisch weihnachtlich verzierten Geschenkpapier umhüllte. Ich malte mir aus, wie die Eltern und Großeltern noch vorsichtig die Verschnürungen lösen und mit zunehmender Neugier die Verpackungen auseinander ruppen würden, um anschließend den noch eben verborgenen Inhalt zu bestaunen. In meiner Fantasie war ich die Königin unter den bescherenden Weihnachtsmännern.

Zu meinem Entsetzen habe ich während der Geschenk-Suche-Einkauf-Einpack-Aktion nicht sonderlich viel Kreativität gezeigt. Am stolzesten bin ich auf das Präsent für meine Mama. Sie, die die Verkörperung für mütterlichen Einsatz, Stress und familiäre Verantwortung ist, benötigt zu ihrem vollgestopften Alltag einen erholsamen Ausgleich. Da sie vor wenigen Jahren den Führerschein gemacht hat und erst jetzt allmählich die Unsicherheit am Steuer abstreift, erkennt sie, eingekapselt in einem Vehikel und somit vom Rest der Menschheit für wenige Augenblicke abgeschirmt, die entspannende Wirkung, die das Autofahren mit sich bringen kann. Die musikalische Untermalung durch das integrierte Rundfunkempfangsgerät darf selbstverständlich bei der Entspannungsexplosion nicht fehlen. Also überlegten meine Schwester und ich, es wäre an der Zeit die ausgenuckelte Kassette, die seit Monaten unentwegt das Tape-Deck des wenig zeitgemäßen Autoradios in Schacht hält, abzulösen und in unbezahlten Urlaub zu schicken. Es entstand die Idee, zwei Musikalben auszuwählen, die anschließend mit einem jeweilig neu erdachten Motto versehen werden.

Ich muss leider zugeben, dass mir meist die Geschenke am besten gefallen, mit denen ich mir selbst auch eine riesige Freude machen würde. Deshalb habe ich mich bei der Themen- und Musikauswahl an meinen eigenen Vorlieben orientiert, die ich, im Falle eines Führerscheinbesitzes, mit einer entspannten Autofahrt in Verbindung bringe. „Für Fahrten ins Blaue...“, wenn man gedankenlos das Weite sucht, entschied ich mich für „The world won´t listen“ von The Smiths. Als ich vor Jahren den Welterfolg „On the road“ des Beatnik-Autors Jack Kerouac gelesen habe und dabei ununterbrochen den Klängen Morrisseys & Co. lauschte, assoziiere ich das ziellose Cruising im Auto immer mit dieser Band. Die Wahl des zweiten Albums fiel dagegen auf Coldplays „X & Y“. Hierbei entstand vor meinem geistigen Auge ein Film über einen abgehetzten Tag im Leben meiner Mutter. Sie, die sich und ihre eigenen Bedürfnisse stets den Wünschen anderer unterordnet, überschlägt sich hin und wieder mit dem Erfüllen von Gefälligkeiten für andere und ist dann abends manchmal derart erschlagen, dass sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht. Für solche Augenblicke ist es wichtig einen Ort des Rückzugs zu haben, der einem das Entfliehen von allen Problemen ermöglicht. Wieso also nicht ins Auto setzen, den Motor laufen lassen bis sich der Innenraum behaglich aufgeheizt hat, zurücklehnen und sich, begleitet durch Chris Martins sanfter Stimme, in die fantastische Welt jenseits aller Verpflichtungen entführen zu lassen? Dementsprechend lautet das Motto zu diesem Tape „Wenn der Alltag zu viel wird... jetzt leben!“

Ich bin zwar noch immer gespannt auf die Reaktionen meiner Verwandten, wenn sie ihre Gaben erhalten, aber ich glaube kaum, dass der Erfolg entsprechend meiner früheren Erwartungen ausfallen wird. Mit dem Verpacken, Zukleben und Verzieren des letzten Geschenks war anscheinend nicht nur das Maximum jener weihnachtlichen Vorfreude erreicht, sondern auch der Wendepunkt, der die empfundene Besinnlichkeit in Gleichgültigkeit umschlagen ließ.

23.12.06 13:28

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