Über

Hier bin ich also.

Jung, orientierungslos, zerbrechlich.


Ich galt schon immer als schüchtern, ruhig und introvertiert. Bislang habe ich das nicht als gesellschaftliches Problem, sondern vielmehr als Schwäche meiner Persönlichkeit angesehen.


Obwohl ich während der Schulzeit stets über eine Handvoll guter Freunde verfügte, mit denen ich mal mehr, mal weniger intensiv bestimmte Phasen der Pubertät durchlebte, war mein sozialer Status nie der Kategorie „beliebt“ zugeordnet. Ich kam mit jedem halbwegs gut zurecht, eckte nirgends an und wurde akzeptiert.


Rückblickend lässt sich jedoch an meinem Sozialverhalten ein Muster feststellen: Jede Freundschaft oder Partnerschaft, eigentlich jede Art von zwischenmenschlicher Beziehung war instabil. Ich neigte schon immer dazu, die Menschen in meiner näheren Umgebung stark zu idealisieren oder vollkommen zu entwerten, wenn sie meinen hoch gesteckten Erwartungen nicht mehr entsprachen.


Der Verlauf einer für mich typischen Freundschaft folgt der von Horaz in seiner „Ars poetica“ festgelegten Aufgaben der fünf Akte eines klassischen Dramas:


1. Exposition (Einleitung).

Die handelnden Personen werden eingeführt, der dramatische Konflikt kündigt sich an.


Jemand wird mir vorgestellt, Sympathie auf beiden Seiten, Verabredungen, vorsichtiges Kennenlernen, Gemeinsamkeiten werden festgestellt.


2. Komplikation (Steigerung).

Steigende Handlung – mit erregendem Moment.

Die Situation verschärft sich.


Man erkennt die Macken des anderen, versucht mit ihnen klarzukommen. Weil man davon überzeugt ist, dass die Freundschaft mittlerweile auf einem unumstößlichen Fundament der Ehrlichkeit ruht, werden die Samthandschuhe, mit denen man sich während der Kennenlernphase anfasst, abgestreift. In Diskussionen zeigen sich immer häufiger Diskrepanzen zwischen den beiden Persönlichkeiten und ihren Lebenseinstellungen bzw. Wertvorstellungen.


3. Peripetie (Umkehr der Glücksumstände des Helden).

Die Handlung erreicht ihren Höhepunkt.


Nach außen wirkt die Freundschaft harmonisch und gefestigt, doch im Inneren beginnt das Fundament zu bröckeln.


4. Retardation (Verlangsamung).

Fallende Handlung – mit retardierenden Momenten.

Die Handlung verlangsamt sich, um in einer Phase der höchsten Spannung auf die bevorstehende Katastrophe hinzuarbeiten.


Aufgrund der Konflikthäufung beginnt man sich aus dem Weg zu gehen. Ausreden werden erfunden, um den anderen nicht mehr ständig um sich zu haben. Verabredungen werden seltener.


5. Katastrophe.

a) Es kommt zur Katastrophe.

b) Alle Konflikte werden gelöst.


In meinem Fall tritt meist Punkt a) ein. Beide Persönlichkeiten geraten auf´s heftigste aneinander. Auf Wut folgt Trotz. Am Ende lässt der Stolz die Schlucht zwischen der einst empfundenen Freundschaft und dem auf den Konflikt begründeten Zorn so weit auseinander klaffen, dass die Möglichkeit einer Versöhnung ausgeschlossen ist. Man vergisst einander.


Anfang dieses Jahres löste sich wieder einmal eine kurzzeitig intensive Freundschaft als Konsequenz eines Streits in Luft auf. Hatte ich mich doch immer als unkompliziert und umgänglich eingeschätzt, begann ich allmählich an mir zu zweifeln.


Neben der Erkenntnis bei der Lebensgestaltung und Berufswahl versagt zu haben, überkam mich nun auch der Verdacht bei der Sozialisation vollkommen gescheitert zu sein. Die Konsequenz dessen war: - allmählicher Rückzug aus der Gesellschaft

- Depressionen, Selbsthass

- Hinabgleiten in eine Essstörung

- selbstverletzendes Verhalten

- zunehmende Isolation


Nach und nach begann ich also die Menschen zu meiden. Sie gingen mir schlichtweg auf die Nerven. Immer und immer wieder die selben Gespräche:

- „Was willst du mit deinem Leben anfangen?“

- „Wie soll´s jetzt weitergehen?“

- „Ich mach mir solche Sorgen um dich!“


Das geht nun schon seit sieben Monaten so. Unverändert. Mir wird einfach nichts Neues geboten. Ich allein bin es, die täglich Abwechslung in mein Leben bringt. Ich lese viel, informiere mich über Dinge, die mich interessieren. Ich tanze mit mir, wenn der Tag schön ist. Ich genieße die Natur, den Wechsel der Jahreszeiten. Seitdem ich mich mehr und mehr zurückziehe, weicht mein chronischer Pessimismus allmählich einer optimistischen Lebens- und Weltbejahung. Ich blühe auf in meinem selbstgewählten sozialen Autismus. Ich bin eine Hikikomori!

Alter: 33
aus: 10245 Berlin
 

Ich mag diese...

Musiker: Von A wie Arctic Monkeys, über Coldplay, Eels, Portishead bishin zu V wie The Verve mag ich alles, was mich nachdenklich stimmt oder zum tanzen bringt. Derzeitige Lieblingsband sind die Babyshambles.
Lieder: Einfach alles, was mich durch ein perfektes Zusammenspiel von Text und musikalischen Klängen in bestimmte Emotionen versetzt. Momentan strapaziert "Fuck forever" die Energie meines MP3-Player-Akkus am häufigsten.
Sendungen: Serien aller Art. Das ermöglicht mir meinen Hang zum Voyerismus auf legalem Weg auszuleben.
Filme: Keine besonderen Vorlieben.
Schauspieler: Keine besonderen Vorlieben.
Bücher: Keine bestimmten Vorlieben. Alles, was mich für kurze Zeit von meiner übermäßigen Gedankenflut zur Analyse über die Notwendigkeit des Seins und der Sinngebung im Leben ablenkt, mich bildet oder meine Fantasie beflügelt lese ich alles.
Autoren: Keine besonderen Vorlieben.
Sportarten: Alles, was mich fit und schlank hält.
Hobbies: Lesen, schreiben, denken.
Orte: Berlin



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